Wappen von Mesocco
CASTELLO DI MESOCCO
Europa / Schweiz / Kanton Graubünden / Bezirk Moësa / Mesocco

Information

Bilder

Historie

Grundriss

Während seiner Kriege in Norditalien versuchte Kaiser Friedrich I. Barbarossa, die Pässe über die Bündner Alpen politisch abzusichern. Im Zuge dieser Bemühungen übertrug er wohl spätestens in den 1170er-Jahren die Grafschaftsrechte über das Misox, das wichtige Durchgangstal auf der Südseite des San Bernardino, an die staufertreuen Freiherren von Sax. Diese treten seit 1137 in den Schriftquellen auf und waren auch im St. Galler Rheintal begütert. Ihre Herrschaft auf der Alpensüdseite mussten sie zunächst gegen den lokalen Adel durchsetzen. Dies gelang ihnen in den folgenden Jahrzehnten so gründlich, dass sie im Misox eine geschlossene Grundherrschaft bilden konnten.

Für ihr Herrschaftszentrum wählten die Herren von Sax-Misox einen Ort, der bereits auf eine jahrhundertealte Siedlungsgeschichte zurückblicken konnte. Auf der felsigen Anhöhe über der Moesa muss bereits im 6. oder 7. Jhdt. eine erste Kirche entstanden sein, möglicherweise als Zentrum eines Kirchenkastells. Diese Kirche wurde in karolingischer Zeit durch einen etwas grösseren Neubau ersetzt: Die Burgkirche S. Carpoforo. Später wurde sie durch einen freistehenden Campanile ergänzt, dessen Errichtung auf 1067 datiert werden konnte. Auch wenn Spuren von Wehranlagen aus dieser Frühzeit fehlen, so wird doch angenommen, dass Mesocco damals bereits befestigt war.

Die Sax errichteten im 12. Jhdt. zunächst eine kompakte Burganlage, die so genannte «Rocca» rund um die Kirche. Ihr prägendstes Element war der mächtige Hauptturm, dessen Ruine heute noch rund 6 Meter hoch aufragt. Eine erste indirekte Nennung der Burg entstammt einer Urkunde von 1219, in der die «ecclesia Sti Carpophori de Sorcastello» erwähnt wird. Und 1273 oder 1274 leisteten zwei Männer aus Rheinwald im «castro de Mesocho» gegenüber den Saxern den Vasalleneid.
Im 13. Jhdt. wurde die Burg bedeutend ausgebaut. Ihre Ringmauer umfasste nun den ganzen Burghügel. Neben dem Hauptturm wurde ein mehrteiliger Wohntrakt errichtet, der um 1400 noch erweitert wurde, so dass er mit dem Turm einen inneren Hof umschloss. In jener Zeit entstanden auch der erste Tortrakt sowie mehrere wichtige Ökonomiebauten für die offenbar recht grosse Burgbesatzung. Manche Personen wie Notare oder Köche, die auf der Burg dienten, sind sogar namentlich bekannt.

Die Sax-Misox stiegen im Spätmittelalter zu einem der mächtigsten Adelsgeschlechter Rätiens auf. Um 1380 konnten sie die Freiherren von Belmont beerben. Mit Albert von Sax erreichte die Familie nun den Höhepunkt ihrer Macht. Er konnte seinen Herrschaftsbereich für kurze Zeit bis nach Bellinzona, ins Bleniotal und in die Leventina ausdehnen und erhielt den Grafentitel. Mit seinem Tod aber begann 1406 der langsame Niedergang der Sax-Misox.
1458 schlossen die Grafen Heinrich und Hans von Sax-Misox einen Landrechtsvertrag mit dem Kloster Disentis. Gleichzeitig verpflichteten sie sich, dem Grauen Bund ihre Burg jederzeit offen zu halten. Fortan duldeten es die Untertanen nicht mehr, wenn sich die Grafen zu stark nach Mailand orientierten. Im Giornico-Krieg von 1478 stellten sich diese auf die Seite der Bündner und Eidgenossen, weshalb die Mailänder Truppen gegen Mesocco schickten. Der Graue Bund kam diesen aber zuvor und legte eine starke Besatzung in die strategisch so wichtige Burg.

Graf Johann Peter von Sax-Misox sah nun ein, dass seine Herrschaft zum Zankapfel zwischen der Eidgenossenschaft und Mailand geworden war und entschloss sich zum Verkauf. Mailand bot vordergründig nicht mit, schickte aber den Condottiere Gian Giacomo Trivulzio als Strohmann vor. Dieser erwarb 1480 Mesocco und die zugehörigen Herrschaftsrechte für 16'000 rheinische Gulden, was im Tal grosse Unruhe auslöste. Weil er nicht die ganze Summe bezahlte, belagerten die Sax zusammmen mit Aufständischen Anfang 1483 die Burg. Sie blieben zwar erfolglos, doch Trivulzio konnte trotzdem gezwungen werden, den Rest der Kaufsumme zu begleichen. Der Condottiere entfremdete sich bald darauf von Mailand und war nun in derselben ungemütlichen Situation wie seine Vorgänger. Bis 1490 liess er Mesocco deshalb von italienischen Baumeistern zur Festung ausbauen: Es wurden neue, viel stärkere Wehrmauern mit flankierenden Türmen, Bastionen und einer neuen Toranlage mit Zugbrücke errichtet. Im Zuge dieser letzten grossen Ausbauphase wurde auch eine weitläufige Vorburg geschaffen. Sie reichte bis auf die gegenüberliegende Anhöhe und schloss die hochmittelalterliche Kirche Sta. Maria del Castello in der dazwischenliegenden Mulde mit ein. Ihre äusseren Mauern waren bis zu 1,5 Meter dick. Spuren einer Verlängerung bis in den Steilhang hinunter zur Moesa deuten an, dass es sich hier um eine veritable Talsperre gehandelt haben muss.

Um seine Lage zu verbessern, trat Trivulzio 1496 dem Grauen Bund bei und stellte diesem fortan seine Artillerie zur Verfügung. Mesocco wurde in jener Zeit durch einen Kastellan verwaltet, der bei der Talbevölkerung aber auf wenig Gegenliebe stiess. Gegen den Widerstand der Trivulzio setzten die Bündner 1526 die Schleifung der stolzen Festung durch, das Herrschaftszentrum musste nach Roveredo verlagert werden. Die mächtigen Mauern blieben aber noch lange in gutem Zustand. Noch 1653 notierte Theodor Trivulzio, Mesocco würde sich mit geringem Aufwand wieder zur uneinnehmbaren Festung ausbauen lassen. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Im 18. und 19. Jhdt. zerfiel die Grossburg rasch, der Hauptturm brach 1835 nach einem Blitzeinschlag zusammen. Erst 1925/26 wurden die Mauerreste freigelegt und erstmals gesichert.

Quellen: Otto P. Clavadetscher/Werner Meyer - Das Burgenbuch von Graubünden. Zürich/Schwäbisch Hall 1984. S. 248-255. / Werner Meyer (Red.) - Burgen der Schweiz, Bd. 2: Kantone Tessin und Graubünden (italienischsprachiger Teil). Zürich 1982. S. 74-86. / Werner Meyer/Eduard Widmer. Das grosse Burgenbuch der Schweiz. Zürich 1977. S. S.58-62. / Erwin Poeschel - Das Burgenbuch von Graubünden. Zürich/Leipzig 1930. S. 215-218. / Erwin Poeschel - Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden, Bd. VI: Puschlav, Misox und Calanca. Basel 1945. S. 366-372. / Eugen Probst - Die Burg Misox. In: Hermann Meili (Hg.). Burgen, Schlösser und Burgherrengeschlechter der Ostschweiz. Trogen 1970. S. 27-28. / Vincenzo Fusco - Guida ai castelli della Svizzera Italiana. Viganello 1988. S. 136-139. / Vincenzo Fusco - Guida illustrata ai castelli, torri e rovine della Svizzera Italiana. Lugano 1981. S. 132-139. / Fritz Hauswirth - Burgen und Schlösser der Schweiz, Bd. 9: Graubünden 2 und Tessin. Kreuzlingen 1973. S. 37-42. / Jerome H. Farnum - 20 Ausflüge zu romantischen Burgruinen in der Schweiz. Bern/Stuttgart 1976. S. 232-236. / Thomas Bitterli - Schweizer Burgenführer. Basel/Berlin 1995. Nr. 305. / Infotafel auf der Burg.
Alle Angaben ohne Gewähr!
Diese Webseite ist Bestandteil von www.burgenwelt.de und darf nicht von oder in Webseiten anderer Anbieter verlinkt werden (Deep-Link)!


© 2012