Wappen von Sils im Domleschg
BURG HOHENRÄTIEN (HOCHRIALT)
Europa / Schweiz / Kanton Graubünden / Bezirk Hinterrhein / Sils im Domleschg

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Historie

Grundriss

Die heute als Hohenrätien bekannte Burganlage auf einem Felsvorsprung über der wilden Viamala-Schlucht gibt den Forschern zahlreiche Rätsel auf. Einzelne Funde belegen, dass der exponierte Platz, gelegen an einem alten Weg vom Domleschg ins Schams, bereits in der Bronzezeit und der Eisenzeit besiedelt war. Auch das römische Reich hinterliess hier seine Spuren, denn auf dem westlichen Burgareal wurden Mauerspuren und Kleinfunde aus jener Epoche entdeckt.
Die heute sichtbare Anlage hat ihren Ursprung in der Spätantike. Bei jüngsten Grabungen konnte nachgewiesen werden, dass hier bereits in spätrömischer Zeit ein Sakralbezirk bestand, der in den folgenden 1000 Jahren ohne Unterbruch genutzt wurde. Ein ältester Bau aus dem 4. oder 5. Jhdt. diente als erste Kirche. Umstritten ist allerdings, ob er auch als solche gebaut wurde – oder ob es sich urspünglich um ein Heiligtum des Mithras-Kults handelte. Um 500 n.Chr. wurde an diese älteste Kirche ein Baptisterium angebaut, in welchem 2001 ein achteckiges Taufbecken freigelegt werden konnte. Auch die erste Ringmauer der Anlage scheint um jene Zeit entstanden zu sein. Sie umschloss eine Fläche von rund 0,6 Hektaren, nicht aber den westlichsten Teil des Burgfelsens. So entstand ein «Kirchenkastell», wie es in ähnlicher Form vielerorts in Graubünden anzutreffen ist. Unklar ist, ob es dauerhaft bewohnt war oder nur in Notzeiten der Talbevölkerung als Ort der Zuflucht diente. Der ursprüngliche Name dürfte sich nach dem Patron der Kirche gerichtet haben: Sogn Gion (St. Johann).

Die im Hochmittelalter neu errichtete Kirche St. Johann bildete das Zentrum einer Grosspfarrei. Der Sitz des Kirchenvogts dürfte sich ebenfalls auf Hohenrätien befunden haben und war wohl der Kern der Adelsburg, die sich innerhalb des Kirchenkastells entwickelte. Bereits im 11. Jhdt. entstanden die untersten beiden Stockwerke des Hauptturms, der damals noch eher einem Steinhaus ähnelte. Auch scheint zu jenem Zeitpunkt der äussere Bering erneuert worden zu sein, und vermutlich entstanden damals der südöstliche Turm und der sogenannte Pfaffenturm nahe der Kirche.
Die grösste Ausbauphase erlebte die Burg jedoch um die Mitte des 13. Jhdts.. Damals wurde das Steinhaus zu einem mächtigen Burgturm aufgestockt. Ausserdem wurde ein innerer Wehrbezirk mit Ökonomiegebäuden und eigenem Bering geschaffen. Diese innere Burg trug später den Namen Hochrialt. Wer sie gegründet hat, ist nicht gesichert. Als früheste Inhaber sind die Herren von Rialt bekannt, deren Stammburg Niederrealta (Niederrialt) im unteren Domleschg bei Cazis lag. Sie waren Dienstleute des Bischofs von Chur und als solche Inhaber der Kirchenvogtei von St. Johann. Erster bekannter Vertreter der Familie ist der 1170 erwähnte Conrad von Rialt. Mit Albert II. starb die Familie bereits um 1300 aus. Die erste Nennung von Hochrialt erfolgt hingegen erst im bischöflichen «Buoch der Vestinen» von 1410. Damals wird die Burg bereits als Ruine bezeichnet.

Die Gründe für die frühe Aufgabe der grossen Anlage sind nicht bekannt. Es wird vermutet, dass hier im 13. Jhdt. gar die Gründung eines Städtchens angestrebt wurde. Die abgeschiedene Lage, der Mangel an Trinkwasser und die baldige Verlegung der Viamala-Route machten diesen Plan aber wohl zunichte. Die bischöfliche Verwaltung wurde stattdessen im nahen Burgstädtchen Fürstenau konzentriert. Ausserdem scheint der südöstliche Turm der Höhenburg durch einen Brand zerstört worden zu sein. Bewohnt blieb wohl nur noch der Pfaffenturm, bis 1505 der letzte Pfarrer wegzog. Bald danach überliess man auch die Kirche St. Johann dem Zerfall.

Der Name «Hohenrätien» wurde der Ruine erst von nachmittelalterlichen Chronisten verpasst, hat sich aber bis heute durchgesetzt. Die mit zahlreichen Sagen in Verbindung gebrachte Burg wurde im späten 19. Jhdt. auch für den Tourismus entdeckt. Damals wurden der Haupt- und der Pfaffenturm inwendig modern ausgebaut und es entstand ein Gasthaus im Burgareal, das aber 1914 wieder aufgegeben wurde.
Seit 1480 gehört die Burg der Familie Jecklin, die 1581 das Adelsprädikat «von Hohenrealta» verliehen bekam. Ihre Familienstiftung kümmert sich seit 1973 in Zusammenarbeit mit einem Förderverein und kantonalen Stellen intensiv um die Erhaltung und Erforschung der historisch bedeutsamen Anlage. In mehr als einem Dutzend Etappen wurden die einzelnen Gebäude der Burg bisher umsichtig restauriert und der vom Einsturz bedrohte südöstliche Turm gesichert. Archäologische Grabungen konnten 1997 Beweise für die frühen Besiedlungsepochen des Platzes erbringen. Ab 2001 grub der Archäologische Dienst Graubünden den spätantiken/frühmittelalterichen Sakralbezirk aus, worauf ein langer Streit um die Sicherung der freigelegten Anlage entbrannte. Erst 2011 konnten sich Burgbesitzer und Kanton auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, um die Grundmauern der ältesten Bauten auf Hohenrätien zu sichern
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Quellen: Otto P. Clavadetscher/Werner Meyer - Das Burgenbuch von Graubünden. Zürich/Schwäbisch Hall 1984. S. 142-146. / Werner Meyer (Red.) - Burgen der Schweiz, Bd. 3: Kanton Graubünden (deutschsprachiger und romanischer Teil). Zürich 1983. S. 41-42. / Werner Meyer/Eduard Widmer - Das grosse Burgenbuch der Schweiz. Zürich 1977. S. 56-57. / Sebastian Gairhos/Manuel Janosa - Ein spätantikes Baptisterium in der Burganlage Hohenrätien, Sils i. D. In: Archäologischer Dienst Graubünden/Denkmalpflege Graubünden (Hg.) - Jahresberichte 2001. Haldenstein/Chur 2002. S. 27-34. / Manuel Janosa - Sils i. D., Burganlage Hohenrätien: Ein Vorgängerbau zur bestehenden Kirche. In: Archäologischer Dienst Graubünden/Denkmalpflege Graubünden (Hg.) - Jahresberichte 2002. Haldenstein/Chur 2003. S. 44-47. / Erwin Poeschel - Das Burgenbuch von Graubünden. Zürich/Leipzig 1930. S. 203-206. / Erwin Poeschel - Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden, Bd. III: Räzünser Boden, Domleschg, Heinzenberg, Oberhalbstein, Ober- und Unterengadin. Basel 1940. S. 152-154. / Fritz Hauswirth - Burgen und Schlösser der Schweiz, Bd. 8: Graubünden 1. 2. überarb. und erg. Aufl. Kreuzlingen 1981. S. 63-67. / Anton von Castelmur - Die Burgen und Schlösser Graubündens, I. Teil: Herrschaft, Prätigau, V Dörfer, Chur und Umgebung, mit Schanfigg, Domleschg. Basel 1940. S. 107-111. / Jerome H. Farnum - 20 Ausflüge zu romantischen Burgruinen in der Schweiz. Bern/Stuttgart 1976. S. 203-205. / Thomas Bitterli - Schweizer Burgenführer. Basel/Berlin 1995. Nr. 344. / Infotafeln auf der Burg.
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