Wappen von Bregaglia
BURG CASTELMUR
Europa / Schweiz / Kanton Graubünden / Bezirk Maloja / Bregaglia

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Historie

Grundriss

Der Weg von Italien durch das Bergell hinauf zum Septimerpass war seit prähistorischer Zeit von grosser Bedeutung. Und kaum eine Stelle war derart gut geeignet, ihn zu kontrollieren, wie das zerklüftete Gelände östlich von Promontogno. Ein markanter, mehrstufiger Felsriegel schiebt sich hier von der südlichen Talflanke bis zur Maira vor und zwingt diese in eine enge Schlucht. Hier entstand eine der wichtigsten Talsperren im Schweizerischen Alpenraum.
Bereits in der römischen Kaiserzeit existierte eine Strassenstation «murus». Sie wird im «Itinerarium Antonini» (Strassenverzeichnis aus dem 3. Jhdt.) erwähnt, und in der Unterburg konnten bei Ausgrabungen zwischen 1921 und 1925 tatsächlich Spuren spätantiker Bauten nachgewiesen werden. Die Anlage wurde im Frühmittelalter weiterentwickelt oder neu gebaut. Im rätischen Reichguturbar, um 842 aufgezeichnet, wird sie erstmals «castellum» genannt. Die Burg war damals ein Lehen eines Constantius in Sargans, und zu ihr gehörte auch die «porta bergalliae» (Tor des Bergells), eine Zollstation. Teil der Anlage war auch die Vorläuferin der Kirche Nossa Donna: Sie hatte bis ins 15. Jhdt. die Funktion der zentralen Talkirche.

Castelmur blieb bis 960 in Reichsbesitz. In seinem Bestreben, die Wege über die Bündnerpässe politisch zu sichern, übertrug Otto I. das Bergell in jenem Jahr samt dem Zollrecht an den Bischof von Chur. Die Talsperre wird dabei zwar nicht erwähnt. Aber eine Bestätigung durch Otto III. von 988 umfasst ausdrücklich auch das «castello» und die Kirche. Die weiteren Bestätigungen durch alle folgenden Kaiser bis zu Heinrich IV. bezogen sich immer auf die ganze Talschaft samt Burg, Kirche und Zoll. Über das Aussehen der Talsperre um die Jahrtausendwende ist nichts bekannt. Allerdings spricht vieles dafür, dass die spätere Unterburg ebenso wie das Areal der Kernburg bereits damals befestigt waren. Zudem existierte innnerhalb der Mauern, wie bereits in römischer Zeit, eine Siedlung.

1121 oder 1122 eroberte die Stadt Chiavenna Castelmur. Dies veranlasste Papst Calixt II., zweimal beim Bischof von Como zu intervenieren und die Rückgabe an Chur zu fordern. Für das Churer Bistum war Castelmur wichtig, denn es markierte die südliche Grenze seines Einflussbereichs. Im Verlauf des Hochmittealters wurde die Anlage daher stark ausgebaut. Neu errichtet wurden die bis zu 3,7 Meter starken Sperrmauern, welche das Tal im Bereich der Unterburg und in den Lücken des Felsrückens abriegelten. Sie trugen einen Wehrgang, der stellenweise mit Pfeilern und gemauerten Bögen abgestützt wurde. An den Leibungen des östlichen Tors für die Talstrasse sind noch beidseits tiefe breite Rillen zu sehen. Hier konnten im Kriegsfall Holzstämme eingeklemmt werden, um den Durchgang ganz zu blockieren.
Wohl im späten 12. Jhdt. wurde die Talsperre durch einen Feudalbezirk mit eigenem Bering, starkem Hauptturm und Nebengebäuden ergänzt. Der fünfgeschossige Turm, heute noch gut erhalten, misst im Grundriss 12 x 12 Meter, die Grundmauern sind 2,4 Meter dick. Ein weiterer Turm unklarer Zeitstellung stand ohne direkte Verbindung mit dem Rest der Burg auf einer höheren Geländestufe am südlichen Talhang. Er mass ca. 10 x 10 Meter und bot einen weiten Ausblick talauf- und abwärts. Heute sind von diesem Gebäude nur noch wenige Reste erkennbar.

Der Bischof von Chur vermied es, die Burg als erbliches Lehen zu vergeben und weilte ab und zu auch persönlich in Castelmur. 1190 wird mit «Albertus de Castello Muro» zwar ein erster Vasall erwähnt, der sich nach dem Ort benannte. Doch die Herren von Castelmur konnten sich dieses Besitzes nie sicher sein. Im 13. Jhdt. sassen verschiedene Vertreter der Familie auf der Burg. Albertus «Popus» von Castelmur war der Anführer der Bergeller, als diese um 1264 mit Viehraub eine Fehde mit dem Adel von Chiavenna und Plurs auslösten. In deren Verlauf wurde die alte Talsperre 1268 ein zweites Mal von Chiavenna besetzt und erst 1272 wieder freigegeben. Um 1340 verpfändete Bischof Ulrich von Chur die Burg für 200 Mark an die Familie Planta. Aber auch sie konnten hier nicht dauerhaft sesshaft werden.
Obwohl oft in Geldnot, gelang es dem Bischof sehr wohl, die Kontrolle über die Sperranlage zu halten. Er brauchte nur dafür zu sorgen, dass keines der regionalen Adelsgeschlechter sich zu lange darin festsetzen konnte. Zwischenzeitlich eingelöst, wurde die ganze Anlage 1410 für 150 Gulden an Jacob Perutt von Castelmur verpfändet. Aber bereits 1430 löste der Bischof das Pfand – diesmal mit einem Kredit der Familie Salis. 1490 erfolgte die letzte Übergabe an Michel Pfannholz, dessen Frau und Tochter auf Lebenszeit. Die Familie musste sich verpflichten, die Burg für den Bischof instand zu halten. Trotzdem wurde sie schon wenig später aufgelassen und war um 1538 nur noch eine Ruine. Eine erste Sanierung wurde im 19. Jhdt. durch Baron Giovanni de Castelmur unternommen, einen späten Nachfahren der früheren Burgherren. Er liess auch die Burgkirche ausbauen und neu weihen. Bekannt geworden ist er aber vor allem durch den Palazzo Castelmur, ein neogotisches Schloss nach italienischem Vorbild, das er unweit talaufwärts in Coltura erreichten liess
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Quellen: Werner Meyer (Red.) - Burgen der Schweiz, Bd. 2: Kantone Tessin und Graubünden (italienischsprachiger Teil). Zürich 1982. S. 70-72. / Otto P. Clavadetscher/Werner Meyer - Das Burgenbuch von Graubünden. Zürich/Schwäbisch Hall 1984. S. 225-229. / Erwin Poeschel - Das Burgenbuch von Graubünden. Zürich/Leipzig 1930. S. 296-300. / Erwin Poeschel - Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden, Bd. V: Die Täler am Vorderrhein, II. Teil, Schams, Rheinwald, Avers, Münstertal, Bergell. Basel 1943. S. 411-412. / Fritz Hauswirth - Burgen und Schlösser der Schweiz, Bd. 9: Graubünden 2 und Tessin. Kreuzlingen 1973. S. 22-25. / Anton von Castelmur - Die Burgen und Schlösser Graubündens, III. Teil: Viamala, Schams, Schyn, Albulatal, Oberhalbstein, Bergell, Engadin. Basel 1944. S. 55-57. / Heinrich Boxler - Die Burgnamengebung in der Nordostschweiz und in Graubünden [Studia Onomastica Helvetica, Bd. 2]. 2. Aufl. Arbon 1991. S. 171-174. / Thomas Bitterli - Schweizer Burgenführer. Basel/Berlin 1995. Nr. 261.
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