Wappen von Andeer
BURG CAGLIATSCHA
Europa / Schweiz / Kanton Graubünden / Bezirk Hinterrhein / Andeer

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Historie

Grundriss

Das Schamsertal am Zugang zum Splügen und San Bernardino war schon in prähistorischer Zeit besiedelt, und auch die Römer hinterliessen hier ihre Spuren. 940 schenkte König Otto I. das Schams und das vordere Rheinwald dem Churer Bischof. Vom Bistum erhielten es später die Freiherren von Vaz zu Lehen. Unter ihrer Herrschaft entstanden zahlreiche kleinere Burganlagen – darunter auch der mächtige Turm von Cagliatscha. Die Anlage muss um 1266 fertiggestellt worden sein, wie mittels dendrochronologischer Datierung mehrerer Balken nachgewiesen werden konnte.
Zu Cagliatscha sind keine schriftlichen Überlieferungen vorhanden, auch der usprüngliche Name der Burg ist verloren gegangen. Erst ab dem 16. Jhdt. wurde die Ruine von den Chronisten Campell und Sprecher als «Castellatsch» (rätoromanisch: schlechte Burg) erwähnt. Seither ist der Name im romanischen Dialekt zu «Cagliatscha» mutiert. Über die Erbauer und Besitzer der Burg kann man nur Vermutungen anstellen. Den bekannten Familien des Schamser Niederadels konnte allen eine Burg zugeordnet werden – ausser dem Vazer Ministerialengeschlecht der Panigad. Die Panigad, auch Stainbrugg genannt, erscheinen mehrmals als Zeugen in Urkunden und besassen Güter im nahen Dorf Clugin. Zudem ist ihr Wappen, zusammen mit anderen, im dritten Stockwerk des Turms von Cagliatscha in den Verputz eingeritzt.

Die Burg thront auf einem dreiseitig steil abfallenden, felsigen Sporn, 200 Meter über dem Hinterrhein zwischen Clugin und Andeer. Ein in den Fels gehauener Halsgraben schützt das länglichen Plateau auf der Bergseite. Die terrassenförmigen Stufen im Graben deuten auf die Gewinnung von Steinen hin. Im frühen 20. Jhdt. glaubte der Burgenforscher Erwin Poeschel, entlang dem Plateaurand schwache Fundamentspuren eines Berings auszumachen. Diese sind heute jedoch verschwunden. Im sanft abfallenden Gelände vor der Burg befindet sich hingegen das Fundament eines mittelalterlichen Ökonomiegebäudes.
Der zentrale Bau der Burganlage war jedoch der mächtige Wohnturm mit einem Grundriss von 8,6 x 8,6 Metern. Auf der dem Feind zugewandten Seite ist die Mauer 2,24 Meter stark, die übrigen Seiten wurden 0,4 Meter schwächer ausgeführt. Heute ist der Turm nur auf der Südseite noch in seiner vollen Höhe von 20 Metern und fünf Stockwerken erhalten. Sein lagerhaftes Mauerwerk besteht aus grösseren, wenig bearbeiteten Blöcken und ist stark ausgezwickt. Aussen finden sich Spuren eines Rasa-pietra-Verputzes mit Kellenfugen. Der Eckverband besteht aus langen Bossenquadern.
Auf der Südseite im zweiten Stock befindet sich ein zugemauerter Hocheingang. Die Stümpfe der Kragbalken des hölzernen Podests, die Schwellenplatte und die steinernen Hakenkonsolen für das Vordach sind immer noch sichtbar. Doch wurde der Eingang noch während der Bauzeit des Turms verlegt: Die zugemauerte Tür ist auf der Innenseite vom ursprünglichen Verputz überdeckt. Nach dem Erreichen des dritten Geschosses hat offenbar eine Neuausrichtung der Bauausführung und Planung stattgefunden. Der neue Eingang wurde in den dritten Stock, auf die feindabgewandte Seite verlegt. Und das gesamte Mauerwerk zeigt zwischen dem zweiten und dritten Geschoss einen eindeutigen Wechsel zu einer qualitativ besseren Ausführung. Die Quader sind im oberen Teil wieder wuchtiger. Es steckt sogar ein riesiger, über 700 kg schwerer Brocken aus Rofnagneis im obersten Teil der Mauer. Das vierte und fünfte Turmgeschoss waren von einer hölzernen Wehrlaube umgeben. Den Abschluss bildete ein mit Schieferplatten gedecktes Pyramidendach.

Über den Abgang der Burg ist nicht mehr bekannt als über ihre Gründung. Allerdings deutet vieles darauf hin, dass er gewaltsam erfolgte. Nach dem Aussterben der Vazer um 1338 wurden ihre Rechte im Schams an die Grafen von Werdenberg-Sargans vererbt. Gegen den Willen der Grafen traten die Talleute 1424 dem Grauen Bund bei. Die darauf folgende «Schamserfehde» hatte 1451 die Schleifung einer Mehrzahl der gräflichen Burgen im Tal zur Folge. Auch Cagliatscha dürfte damals zerstört worden sein: Der Wohnturm wurde geplündert und ausgebrannt. Ein weiteres Feuer an drei Aussenseiten des Fundaments schwächte die Mauern zusätzlich – dann wurden sie untergraben und zum Einsturz gebracht. Die Trümmerteile liegen heute bis zu drei Meter tief im Sockel des Turms und im Tobel unterhalb der Ruine.
Nach ihrer Niederlage veräusserten die Grafen von Werdenberg-Sargans ihre Besitzungen und Rechte im Schams ans Bistum Chur. Doch bereits 1458 konnte sich die Talschaft von jeglicher Oberherrschaft loskaufen. Cagliatscha spielte in der Geschichte des Tals keine weitere Rolle mehr und wurde dem Zerfall überlassen. 1984/85 wurde die Anlage durch Freiwillige des Burgenvereins Graubünden dokumentiert und saniert. Eine archäologische Untersuchung wurde aus finanziellen Gründen aber unterlassen.

Quellen: Felix Nöthiger - Die Burgruine Cagliatscha GR. In: Nachrichten des Schweizerischen Burgenvereins, 63. Jhg./Nr. 2. Zürich 1990. S. 58-64. / Pro Castellis (Hg.) - Infotafel Cagliatscha. In: Mittelalter. Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins. 14. Jhg./Nr. 4. Basel 2009. S. 161-163. / Otto P. Clavadetscher/Werner Meyer - Das Burgenbuch von Graubünden. Zürich/Schwäbisch Hall 1984. S. 169-170. / Erwin Poeschel - Das Burgenbuch von Graubünden. Zürich/Leipzig 1930. S. 212-213. / Erwin Poeschel - Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden, Bd. V: Die Täler am Vorderrhein, II. Teil: Schams, Rheinwald, Avers, Münstertal, Bergell. Basel 1943. S. 199. / Fritz Hauswirth - Burgen und Schlösser der Schweiz, Bd. 8: Graubünden 1. 2. überarb. und erg. Aufl. Kreuzlingen 1981. S. 24-25. / Anton von Castelmur - Die Burgen und Schlösser Graubündens, III. Teil: Viamala, Schams, Schyn, Albulatal, Oberhalbstein, Bergell, Engadin. Basel 1944. S. 18. / Thomas Bitterli - Schweizer Burgenführer. Basel/Berlin 1995. Nr. 276.
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